Wie bringe ich das alles unter einen Hut?

Ausschütten oder investieren?

Österreichs Gastronomie und Hotellerie stehen vor einer Übergabewelle. Was bewegt Übergeber, wenn sie ihr Lebenswerk der nächsten Generation anvertrauen? Und was bewegt Übernehmer, wenn sie vor der Übernahme des elterlichen Betriebs stehen?

Autor: Clemens Westreicher

In den kommenden Ausgaben thematisiert Experte Clemens Westreicher exklusiv für Hotel & Touristik ausgewählte Fragen zur betrieblichen Nachfolge in Form von Tagebucheinträgen einer Nachfolgerin. Stimmungsvoll und sehr emotional, wie es sich in der Betriebsübergabe eben abspielt. Teil drei: Ausschütten oder investieren?

Liebes Tagebuch. Seitdem ich mit dem Gedanken spiele, unser Hotel zu übernehmen, fühle ich mich irgendwie zerrissen. Ist das, was für unser Hotel richtig ist, auch für unsere Familie richtig?

Papa betont immer wieder, dass er alle seine Kinder gleich gerne hat. Gleichzeitig hält er aber auch fest, dass nicht alle Kinder das Hotel bekommen können. Papa sagt, dass das fähigste Kind, das Hotel übernehmen soll, vorausgesetzt es will. Wie kann Papa seinen Anspruch nach Gleichbehandlung in der Familie mit seinem Vorzug bezüglich der Fähigkeit in der Hotelführung unter einen Hut bringen? Geht das überhaupt? Und zwar so, dass wir alle auch in 10, 15 Jahren noch zufrieden sind?

Mir rauben aktuell zwei andere Fragen den Schlaf. Das ist erstens unser traditionsreiches À-la-Carte-Restaurant. Das Erscheinungsbild stammt aus den 1970er Jahren. Das Speisenangebot ist gutbürgerlich. Wie werden wohl meine Eltern darauf reagieren, wenn ich ihnen meinen hippen Streetfood-Court vorstelle? Werden sie an der Tradition festhalten wollen? Oder unterstützen sie mich mit meiner Innovation und lassen mich machen?

Zweitens lässt mir eine Bemerkung meines Stiefbruders keine Ruhe. Letzthin meinte dieser, dass sein einziges Interesse am Hotel, seinem jährlichen Gewinnanteil gilt, sollte Papa ihn am Hotel beteiligen. Wie kann ich ihn, der in der Stadt lebt und nicht im Hotel tätig ist, davon überzeugen, dass ich die erwirtschafteten Mittel in das Hotel investieren muss, um wettbewerbsfähig zu bleiben?

Wenn ich meine, eine Lösung für unser Hotel gefunden zu haben, kommen mir Zweifel, ob diese auch für uns als Familie passend ist. Irgendwie ist es … ich weiß nicht, einfach nicht möglich beide Blickwinkel unter einen Hut zu bringen! Es ist zum aus der Haut fahren …

Das sagt der Nachfolgeberater

Die Tagebuchschreiberin erlebt etwas, das typisch ist für Unternehmerfamilien. An die Hoteliersfamilie werden in mehreren Spannungsfeldern (z.B. Gerechtigkeit, Investitionen, Innovation) gleichzeitig zwei Erwartungen gestellt, nämlich die Erwartungen der Familie und die Erwartungen des Hotels. Die beiden Erwartungshaltungen können jedoch nicht gleichzeitig erfüllt werden. Sie können maximal ausbalanciert werden. Dies ist anspruchsvoll und kann von Unternehmerfamilien erfahrungsgemäß nur in einem längerfristigen Prozess bewältigt werden.

Nutzbare Erfahrungswerte für Ihre persönliche Nachfolgelösung

  • Machen Sie sich und Ihrer Familie die wesentlichen Spannungsfelder bewusst.
  • Qualifizieren Sie die Spannungsfelder als Ihre „Feinde“ und nicht die involvierten Personen. Denn diese sind Ihre Partner in der Suche nach Lösungen zum Ausbalancieren der Spannungsfelder.
  • Betreiben Sie Konfliktprävention entlang der Spannungsfelder. Entwickeln Sie gemeinsam strategische Leitlinien bevorKonflikte auftreten, z.B. zu den Voraussetzungen für die Übernahme der Geschäftsführung und des Eigentums, zur Höhe der Privatentnahmen oder zur angemessenen Höhe der Ausgleichszahlung an weichende Kinder.